Mikroskopische Darstellung des Hefepilzes C. auris.
  1. Pilzinfektionen
  2. Ansteckung mit Candida auris
  3. Weltweite Aufmerksamkeit
  4. Candida auris in Deutschland
  5. Fazit – Pandemie oder Panikmache?
Mikroskopische Darstellung des Hefepilzes C. auris.

Candida auris ist eine Pilzart, die zu den Hefepilzen der Gattung Candida gehört. Der Name “auris” ist abgeleitet vom lateinischen Begriff für “Ohr”, denn C. auris wurde 2009 erstmals in Japan im Zusammenhang mit einer Ohrinfektion beschrieben. Anscheinend gibt es die Art jedoch schon länger, da nachträglich in einer bereits 1996 entnommenen Probe der Erreger nachgewiesen wurde. Im letzten Jahr warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO vor der gesundheitlichen Gefahr, die von unterschiedlichen Pilzinfektionen ausgeht – darunter auch Infektionen mit C. auris.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie beschäftigt sich mit der Verbreitung von C. auris in den USA. Dort haben sich die Fallzahlen von 2020 (756 Fälle) zu 2021 (1.471 Fälle) nahezu verdoppelt. Vorläufigen Zahlen zufolge gab es im Jahr 2022 einen weiteren Anstieg. Auch in Deutschland werden immer mehr Fälle von Infektionen mit dem Hefepilz C. auris dokumentiert.

Zu der Gattung Candida gehören etwa 150 verschiedene Pilzarten, darunter C. auris und C. albicans.

Pilzinfektionen

Es gibt viele verschiedene Arten von Pilzen, die wiederum unterschiedliche Körperareale befallen und eine Vielzahl von Symptomen auslösen können. Pilzinfektionen werden zusammenfassend als Mykosen bezeichnet. Weitläufig bekannt ist beispielsweise der Fußpilz. Dieser wird durch Fadenpilze (Dermatophyten) verursacht, wie auch der Nagelpilz und die meisten Arten von Hautpilz. Schimmelpilze, bzw. die von ihnen gebildete Toxine, sind für viele Erkrankungen des Menschen verantwortlich, beispielsweise Atemwegserkrankungen, Allergien und Lebensmittelvergiftungen.

Weiterhin zählen verschiedene Hefen zu den Pilzen. Hefepilze besiedeln vor allem Haut und Schleimhäute, können aber auch innere Organe befallen. Eine Gattung innerhalb dieser Hefen ist Candida. Infektionserkrankungen durch Hefepilze der Gattung Candida werden als Candidosen bezeichnet. Am weitesten verbreitet ist der Erreger Candida albicans.

Candidosen (Kandidosen)

Hefepilzinfektionen, fachsprachlich Candidosen, werden in oberflächlich und invasiv unterteilt. Bei oberflächlichen Candidosen ist die Haut oder Schleimhaut befallen. Dazu zählen Pilzinfektionen im Mund- und Rachenraum oder auch an den Schleimhäuten der Geschlechtsorgane (Eichelpilz, Scheidenpilz). Diese oberflächlichen Candidosen können für Betroffene sehr unangenehm sein, sind in den allermeisten Fällen aber ungefährlich und gut zu behandeln.

Im Gegensatz zu den sehr häufigen und meist harmlosen oberflächlichen Candidosen stehen die invasiven Candidosen. Diese treten zwar selten auf, können aber lebensgefährlich sein, vor allem bei PatientInnen mit schweren Vorerkrankungen oder einem stark geschwächten Immunsystem. Hefepilze können im Körper eine Blutstrominfektion (Candidämie) auslösen oder innere Organe befallen und so z. B. eine Entzündung der Herzinnenhaut (Endokarditis) oder eine Knochenentzündung (Osteomyelitis) verursachen.

Weltweit sind etwa 1,5 Milliarden Menschen von Pilzinfektionen betroffen. Schätzungen zufolge versterben jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen an den Folgen einer Pilzerkrankung.

Ansteckung mit Candida auris

Für Menschen mit einem intakten Immunsystem sind C. auris-Hefepilze in den allermeisten Fällen harmlos. Sorge bereiten dennoch die steigenden Resistenzen gegen Antimykotika, also Medikamente zur Behandlung von Pilzinfektionen. Auch gegenüber üblicherweise eingesetzten Desinfektionsmitteln bestehen Resistenzen, sodass Hygienekonzepte von Krankenhäusern und anderen Einrichtungen bei Ausbrüchen von C. auris möglicherweise versagen.

C. auris wird mittels Schmierinfektion übertragen. Das kann von Mensch zu Mensch oder über kontaminierte Gegenstände geschehen. Letzteres ist Studien zufolge oft in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen der Fall. Der Hefepilz kann bis zu einem Monat auf Oberflächen überleben. Nachteilig für die Nachverfolgung ist auch, dass die Haut eines Menschen von C. auris besiedelt sein kann, ohne dass Symptome auftreten. So kann dieser Mensch die Hefepilze unbemerkt auf viele weitere Personen oder Gegenstände übertragen.

Befinden sich die Hefepilze auf der Haut, wird von Kolonisierung gesprochen. Unter anderem wurde C. auris bisher in Abstrichen aus der Achselhöhle, den Leisten, Nasenlöchern und Rektum nachgewiesen. Betroffene können Symptome der Haut, im Urogenital- und Gastrointestinaltrakt sowie die Atmung betreffend zeigen.

Candida auris im Körper

PatientInnen gelten als infiziert, wenn sich der Hefepilz im Körper befindet. Gefährlich wird es bei immungeschwächten Personen, häufig PatientInnen in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen. Dringt der Erreger in den Körper ein, spricht man von einer invasiven Candidose. Hierbei kann C. auris das Blut, Nervengewebe sowie diverse Organe befallen und unter anderem eine Blutvergiftung (Sepsis) auslösen. PatientInnen mit durch C. auris aufgelöste Fungämien (Pilzinfektionen des Blutes) haben eine hohe Sterblichkeit: innerhalb von 30 Tagen versterben 39 Prozent, innerhalb von 90 Tagen 58 Prozent der betroffenen PatientInnen.

Besonders gefährdet sind intensivmedizinisch betreute PatientInnen, bei denen invasive Methoden in Form von Blasenkathedern oder Beatmungsschläuchen eingesetzt werden.

Weltweite Aufmerksamkeit

Im Jahr 2022 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Prioritätenliste der Erreger von Pilzinfektionen. Anhand verschiedener Bewertungsparameter wie Letalität, Inzidenzen, Verbreitung und Resistenzen wurden die Erreger in drei Gruppen unterteilt: kritische Priorität, hohe Priorität und mittlere Priorität. C. auris gehört dabei zur Gruppe mit kritischer Priorität,

bildliche Darstellung

Quelle: WHO fungal priority pathogens list to guide research, development and public health action (2022)

Cryptococcus neoformans

  • Verursacht Pilzinfektionen in Lunge und Gehirn
  • Kann lebensbedrohlich werden
  • Übertragung durch Einatmen der Pilze

Candida auris

  • Verursacht bei immungeschwächten PatientInnen invasive Candidose
  • Lebensbedrohliche Krankheit mit hoher Sterblichkeit
  • Resistenzen gegen viele Antimykotika und Desinfektionsmittel

Aspergillus fumigatus

  • Schimmelpilz
  • Überall in der Umwelt zu finden
  • Verursacht Aspergillose
  • Kann lebensbedrohlich werden
  • Befällt v. a. Lungen, auch Gehirn
  • Infektion durch Einatmen

Candida albicans

  • Kommt natürlicherweise im menschlichen Mikrobiom vor
  • Bei immungeschwächten Personen brechen Pilzinfektionen aus
  • Befällt überwiegend Schleimhäute in Mund, Rachen, Genitalbereich und Verdauungstrakt
  • Kann lebensbedrohlich werden
  • Nakaseomyces glabrata (Candida glabrata)
  • Histoplasma spp.
  • Eumycetoma causative agents
  • Mucorales
  • Fusarium spp.
  • Candida tropicalis
  • Candida parapsilosis
  • Scedosporium spp.
  • Lomentospora prolificans
  • Coccidioides spp.
  • Pichia kudriavzeveii (Candida krusei)
  • Cryptococcus gattii
  • Talaromyces marneffei
  • Pneumocystis jirovecii
  • Paracoccidioides spp

Im Frühjahr 2023 stufte das Center for Disease Control and Prevention (CDC, Teil des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums) den Erreger C. auris aufgrund dessen fortschreitender Ausbreitung in den USA als “dringliche Bedrohung” ein. Auch das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) registrierte steigende Fallzahlen in Europa.

Candida auris in Deutschland

Bereits 2017 wies das Robert Koch-Institut (RKI) darauf hin, eine erhöhte Aufmerksamkeit bei Candida-auris-Fällen walten zu lassen. Es wurde sogar darum gebeten, zu Untersuchungszwecken alle isolierten C.-auris-Stämme an das zuständige Nationale Referenzzentrum für Invasive Pilzinfektionen (NRZMyk) zu senden.

In den letzten Jahren sind auch in Deutschland die Fallzahlen angestiegen – allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau. Bis 2020 waren alle in Deutschland nachgewiesenen Infektionen auf Reisen ins Ausland zurückzuführen, größtenteils auf Krankenhausaufenthalter im Ausland. Im Jahr 2021 wurde die erste Übertragung von C. auris innerhalb Deutschlands dokumentiert. Insgesamt wurden von 2015 bis 2022 in Deutschland 43 Fälle registriert.

Da ein Befall mit C. auris bei gesunden Menschen oft symptomlos bleibt, kann die Dunkelziffer erheblich höher sein. Auch werden beispielsweise bei Ohrinfektionen eher selten die Erreger identifiziert. Zudem ist der Nachweis im Labor nicht immer eindeutig.

Aktuell fordern verschiedene ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen aus Deutschland die Einführung einer Meldepflicht für Infektionen mit C. auris. So ließe sich ein möglicherweise steiler Anstieg der Fallzahlen in Deutschland besser nachverfolgen und damit die Krankheit schneller eindämmen.

Hygienekonzepte sind sinnvoll

Führende ExpertInnen aus Deutschland haben bereits im letzten Frühjahr Empfehlungen für ein Konzept für den Umgang mit möglichen C. auris-Ausbrüchen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen veröffentlicht.

  1. Bildung eines multidisziplinären Teams.
  2. Einrichtung eines Arbeitsablaufs für das C. auris-Screening mit dem Diagnoselabor. (Verwendung von Farbindikatormedien, die C. auris nachweisen können.)
  3. Keine neuen PatientInnen in die betroffene Station aufnehmen.
  4. Einrichtung getrennter Bereiche innerhalb der betroffenen Station. (kolonisiert / infiziert / nicht betroffen)
  5. Testung aller PatientInnen in der betroffenen Station auf C. auris.
  6. Überprüfung und Anpassung der Hygienepläne in der Station im Hinblick auf die Verwendung potenziell wenig wirksamer Desinfektionsmittel.
  7. Analyse möglicher Übertragungswege.
  8. Einführung strenger Regeln für die De-Isolierung oder Entlassung ehemals infizierter / kolonisierter PatientInnen.
  9. Durchführung einer langfristigen Überwachung auf das Vorhandensein von C. auris in Stationen mit dokumentierter Übertragung.

Fazit – Pandemie oder Panikmache?

Falls beabsichtigt, so kann man aus den vorliegenden Daten und Zahlen ganz einfach eine Panik schüren. Folgend einige Beispiele für reißerische, aber wahre Behauptungen sowie eine passende Einordnung dieser.

  • Fallzahlen in Deutschland haben sich mehr als verdoppelt. Ja, das stimmt. Allerdings befinden sich die jährlichen Fallzahlen auf einem sehr niedrigen Niveau (2020: 5 Fälle, 2021: 12 Fälle). Insgesamt wurden in Deutschland bisher 43 Fälle registriert.

  • Jeder dritte Infizierte verstirbt. Auch diese Aussage ist nicht falsch, jedoch muss sie ins korrekte Verhältnis gesetzt werden. Viele der registrierten Fälle zeigen lediglich eine Kolonialisierung der Hefepilze auf der Haut. Die Sterberate bezieht sich auf PatientInnen, die sich im Krankenhaus mit invasiver C. auris-Candidose infiziert haben, dabei handelt es sich in der Regel um bereits schwer vorerkrankte oder immunsupprimierte Personen.

  • Multiresistenter Erreger breitet sich aus. Auch diese Schlagzeile wäre keine Lüge. C. auris ist gegenüber einigen der üblicherweise gegen Candida eingesetzten Antimykotika (teil-)resistent, ähnliches gilt für einige der gängigen Desinfektionsmittel in Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Jedoch gibt es therapeutische Alternativen und Desinfektionsmittel, die gegen C. auris wirken. Aus diesem Grund ist es wichtig, einen Ausbruch rechtzeitig zu identifizieren und mit geeigneten Mitteln einzudämmen.

Weiterhin hinterfragen einige ExpertInnen den Ursprung der gestiegenen Fallzahlen. Ist der Anstieg wirklich so drastisch, oder werden lediglich mehr Fälle nachgewiesen? In den letzten Jahren wurden vermehrt Testungen durchgeführt, außerdem haben sich die Nachweismethoden ständig verbessert. Somit können mehr Fälle identifiziert werden – die Dunkelziffer sinkt, die Fallzahl stiegt.

Wer Angst vor einer solchen Erkrankung hat, sollte etwas für sein Immunsystem tun – denn ein starkes Immunsystem kann vor (Pilz-)Infektionen schützen. Ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, wenig Stress und angemessene Bewegung sind der Schlüssel dazu.

Eine Zombie-Apokalypse, wie durch den Pilz Cordycerps in den Videospielen “The Last of US” sowie der darauf basierenden Fernsehserie, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen.

Quellen

  • Aldejohann AM, Martin R, Hecht J, et al.: Anstieg von Candida-auris-Fällen und erste nosokomiale Übertragungen in Deutschland. Dtsch Arztebl 2023. (online first)

  • Allgemeine Mykologie. AMBOSS. 2023. https://www.amboss.com/de/wissen/allgemeine-mykologie (zugegriffen 24. Mai 2023)

  • Candidose. AMBOSS. 2018. https://www.amboss.com/de/wissen/Candidose (zugegriffen 24. Mai 2023)

  • Clinical Alert to U.S. Healthcare Facilities - June 2016. Centers for Disease Control and Prevention (CDC). 2018. https://www.cdc.gov/fungal/candida-auris/candida-auris-alert.html (zugegriffen 24. Mai 2023)

  • Geremia N, Brugnaro P, Solinas M, et al.: Candida auris as an Emergent Public Health Problem: A Current Update on European Outbreaks and Cases. Healthcare (Basel) 2023; 11: 425.

  • Jeffery-Smith A, Taori SK, Schelenz S, et al.: Candida auris: a Review of the Literature. Clin Microbiol Rev 2018; 31: e00029-17.

  • Lee WG, Shin JH, Uh Y, et al.: First Three Reported Cases of Nosocomial Fungemia Caused by Candida auris. J Clin Microbiol 2011; 49: 3139–42.

  • Lyman M, Forsberg K, Sexton DJ, et al.: Worsening Spread of Candida auris in the United States, 2019 to 2021. Ann Intern Med 2023; 176: 489–95.

  • Robert Koch-Institut: Erhöhte Aufmerksamkeit bei Candida-auris-Fällen notwendig. Epidemiologisches Bulletin 36/2017.

  • Satoh K, Makimura K, Hasumi Y, et al.: Candida auris sp. nov., a novel ascomycetous yeast isolated from the external ear canal of an inpatient in a Japanese hospital. Microbiol Immunol 2009; 53: 41–4.

  • Tracking Candida auris. Centers for Disease Control and Prevention (CDC). 2023. https://www.cdc.gov/fungal/candida-auris/tracking-c-auris.html (zugegriffen 24. Mai 2023)

  • WHO fungal priority pathogens list to guide research, development and public health action. Geneva: World Health Organization; 2022.

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